Themen getauscht

Aufgrund kurzfristiger Absagen muss ich den Seminarplan kurzfristig ändern. Die Sitzung zu den Projekten solidarischer Ökonomie in Köln, die für heute geplant war, findet jetzt am 27. Juni statt. Statt dessen beschäftigen wir uns schon heute mit dem Thema „Solidarische Ökonomie weltweit: Fair Trade“.

Präsentationen zu den Pecha-Kucha-Vorträgen

Hier findet ihr die Präsentationen zu den Pecha-Kucha-Vorträgen aus der Sitzung vom 10. Mai. Teilweise sind die Dateien wegen der Bilder etwas größer (max. 3MB)

Chiemgauer
Dorfläden
hgeno
Kinderarmut
Lebensmittel
Mikrokredite
Niederkaufungen
SSK/SSM

Hat mir sehr viel Spaß gemacht!

Reflexion zur Sitzung vom 26.04.2011

In der Sitzung vom 26.04.2011 wurde anhand eines Auszugs von Elinor Ostroms Buch „Governing the Commons“ (zu Deutsch: Die Verfassung der Allmende) ein Einstieg in die Problematik der Nutzung von Allgemeinbesitz geschaffen. Während der Begriff der Allmende in einem Lexikon des Mittelalters (ahd. alagimeinida = Allgemeingut; mhd. al[ge]meinde, almende) als Allgemeingut die gemeinsame Nutzung von Wald, Weide, Gewässern (und eingeschränkt durch den Wildbann auch Jagdrecht und Fischfang), sowie innerhalb des Dorfes Straßen und Wasserquellen bezeichnete[Peter C. A. Schels, Kleine Enzyklopädie des deutschen Mittelalters, Eine lexikalische Materialsammlung zum Mittelalter im deutschsprachigen Raum, Online] , kann man den Allgemeingutbegriff heute in einem Wirtschaftslexikonschon wesentlich abstrahierter als Allmenderessource, eine natürliche Ressource im Gemeineigentum, wo bei uneingeschränkter Zugriffsmöglichkeit die Gefahr der vorzeitigen Erschöpfung besteht[ Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Allmenderessource, online im Internet:
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/1070/allmenderessource-v6.html
] , finden.
Mit genau diesem Problem -dem der uneingeschränkten Nutzung bis zur Erschöpfung- befassten wir uns näher, indem wir zunächst selbst in einem kleinen Experiment im Rahmen der Spieltheorie berechnen konnten welchen Effekt der Eigenverbrauch von Gummibärchen im Gegensatz zur gemeinsamen Nutzung haben könnte. Jeder Spieler hatte Anrecht auf 10 Gummibärchen, jedes was an einen anderen Spieler gegeben wurde, konnte dadurch vervierfacht werden, allerdings gab es keine Garantie, von den vervielfachten Gummibärchen etwas zurückzubekommen, sondern per Los erhielt man einen Spielpartner, der die selben Entscheidungen treffen konnte, nämlich wie viele Gummibärchen er abgeben (bzw. selbst essen) wollte und wie viele vom Partner an ihn abgegebene er nach der Vervielfachung zurückgeben wollte. Hier wurde also der Ressourcenverlust bei Erschöpfung der Ressource durch nicht sinnvoll verteilte gemeinsame Nutzung gegen einen Ressourcengewinn bei gemeinsamer Nutzung ersetzt -rechnerisch bleibt es dabei, dass die gemeinsame Nutzung effektiver ist.
Dadurch, dass nicht jeder die kalkulierbar optimale Version 10 Gummibärchen abzugeben, dadurch 40 Gummibärchen zu zweit zu erhalten und diese dann zu teilen wählte (dies wurde bereits durch Kommentare beim Ausfüllen deutlich), konnte das Problem näher eingegrenzt werden. Die Entscheidung gegen die ökonomischste Variante -die gemeinsame Nutzung und Verteilung- beruhte nicht ausschließlich auf einem Rechen- oder Anreizproblem, wie das Wirtschaftslexikon ausführt: Ursache für die Fehlallokation ist der fehlende Anreiz für den individuellen Ressourcennutzer, die von ihm verursachten Nutzungskosten zu berücksichtigen.[ Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Allmenderessource, online im Internet:
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/1070/allmenderessource-v6.html
] ,sondern bei Allgemeinbesitz, der eben nicht staatlich reguliert wird muss der Einzelne darauf vertrauen können, dass alle anderen Gemeindemitglieder ebenso die optimale Nutzung vornehmen, anstatt sich zuerst bereichern. Die Variante, dass Einzelne nicht optimal handeln, bringt nämlich das große Risiko mit sich, dass in der Folge das gesamte Planungssystem zusammenbricht und damit die Nutzenkalkulation aus ihm für die Gemeindemitglieder. Aber erst durch diese (gedankliche) Möglichkeit selbst entsteht ein Kalkulationskonstrukt mit Risikoeinbezug, das nun die egoistische Nutzung des Einzelnen am Allgemeingut mit wenigstens geringem Ertrag vor der Erschöpfung des Gutes minimal besser darstellen kann, als das Risiko im Falle, dass sich alle so verhalten gar nichts mehr vom Gut abzubekommen.
Ebenso wie beim Gefangenendilemma-Spiel, das Ostrom in ihrer Einleitung verwendet, handelte es sich in unserem Experiment um ein nicht kooperatives Spiel, da durch Zulosung des Spielpartners eine Absprache unmöglich war. Gerade die (verbindliche) Absprache und Planung der gemeinsamen Nutzung stellte sich aber bei unseren Lösungsideen zur Aufteilung und Nutzung einer gemeinsamen Weide durch zwei Hirten als beste Möglichkeit heraus. Während das Ziehen eines Zaunes zur Aufteilung der Weide den Platz so minimieren könnte, dass Vieh oder Weide schaden nähmen und eine Sanktionierung, die die Übernutzung durch Viehabgabe unattraktiv machen würde wieder Zusatzkosten durch Kontrollinstanzen erfordern würde, wäre ein Nutzungsplan die ökonomisch beste Variante. Voraussetzung ist hier allerdings die sinnvolle und Vertrauen schaffende Kommunikation zwischen den Viehhütern zur fairen Planerstellung.
Ostroms Positivbeispiel der Fischer von Alanya, die ihre Fanggründe kartographisch erfasst haben und nach einem Rotationssystem von September bis Mai befischen beweist einerseits, dass durch die Kommunikation der Gemeindemitglieder ein sinnvolles Verteilungssystem des Gemeingutes geschaffen werden kann, andererseits, dass die Selbstorganisation der Betroffenen sogar effektiver sein kann als eine staatliche Regelung durch (externe) Beamte, die in diesem Fall beispielsweise die Fangplätze gar nicht so genau kennen können, wie die Fischer selbst.[Elinor Ostrom, die Verfassung der Allmende, ins Deutsche übersetzte Version des Mohr Siebeck Verlags von 1999, 1. Auflage, S.24-26] Für einen Einblick in eine alternative, gut funktionierende Allmenderessourcennutzung konnte uns das Beispiel am Ende der Sitzung, neben dem Problemaufriss einen ersten Ausblick auf Lösungswege geben.
Allerdings gibt Ostrom in ihrem Buch zum Beispiel der Fischer von Alanya bei ihrer Analyse des Versagens und der Fragilität von Institutionen zu bedenken, dass hier zwar das Verteilungsproblem geschickt gelöst werden konnte, aber das Problem der Zugangsbeschränkung zum Allgemeingut noch ungelöst ist. Wenn sich in Zukunft mehr Fischer in der Gegend ansiedeln und zu diesen Fangplätzen fahren wollen wird es ohne eine feste Arena kollektiver Entscheidungen für die Fischer in Alanya schwierig sein, ihre Regeln auch in Zukunft veränderten Bedingungen anzupassen.[Elinor Ostrom, die Verfassung der Allmende, ins Deutsche übersetzte Version des Mohr Siebeck Verlags von 1999, 1. Auflage, S.234]
Somit muss bei Gemeinbesitznutzung ohne staatliche Zugangsregelung immer auch mit neu auftretenden Schwierigkeiten und Problemsituationen gerechnet werden und ich glaube es bleibt dabei, dass die Kommunikation der Nutzungsbeanspruchenden eines der wesentlichsten Instrumente zur Erhaltung oder möglichen Neuregelung von Allgemeinbesitznutzung darstellt.

Zitate zur Diskussion

Und hier noch die Zitate, die wir in der letzten Stunde als Grundlage der Diskussion verwendet haben:

„Das Individuum folgt nur seinen eigenen Interessen. […] Die Entscheidungslogik steht und fällt also mit der ‚gegenseitig desinteressierten Vernünftigkeit‘ (Rawls). […] So kann auch die ‚Disposition‘ , sich freundlich, moralisch etc. zu verhalten, eine erfolgreiche, rationale Strategie sein, um einen möglichen Gewinn aus kooperativen Vereinbarungen zu ziehen, von denen man andernfalls ausgeschlossen wäre.“ (S. 33)

„Kooperation wird nicht nur des wirtschaftlichen Erfolges wegen, sondern auch um seiner selbst willen als Wertgehalt und Wertschöpfung angestrebt.“ (S. 42)

„Daher sind die Dinge gut oder schlecht nur in Beziehung zu etwas anderem und entsprechend der Stellung und Beleuchtung, die man ihnen gibt. Was uns Lust bereitet, ist eben insoweit gut, und dieser Regel gemäß will jeder sein eigenes Wohl, so gut er es versteht und mit wenig Rücksicht auf seine Nebenmenschen.“ (S. 32)

„Wer […] von der Sozialität her argumentiert, der zäumt das Pferd von der ganz anderen Seite auf. Für in hat ontologisch das Soziale ein eigenes Sein, das nicht aus dem Sein der Individuen allein abgeleitet werden kann. […] Ethisch besagt es, daß Menschen ihre Erfüllung als Person nicht allein finden können, sondern nur dann, wenn sie sich in die res publica integrieren. Von da aus wird ihr Eigennutz eingeschränkt.“ (S. 30)

„[Es herrscht] die Vorstellung vor[…], die bürgerliche Gesellschaft und die industrielle Revolution hätten einen menschlichen Verhaltenstypus hervorgebracht, der sich aus der sozialen Bevormundung früherer Gesellschaften befreit und endgültig auf die eigenen, individuellen Füße gestellt hätte. Dabei hat sich der Begriff des Interesses vom Staatsinteresse und den Interessen des Geistes, der Gesundheit, der Ehre u.ä. verkürzt auf die materiellen Aspekte der Wohlfahrt, auf die Verbesserung der Lebensverhältnisse und auf die Ansammlung von Reichtum.“ (S. 31)

„Kollektive Entscheidungen ergeben sich allein aus der Aggregation individueller Entscheidungen. Akteure sind nur die Individuen, nicht Klassen, Staaten, Kollektive. “ (S. 35)

„Auch wenn man genetisch von den Individuen als Trägern der Geschichte oder des subjektiven Sinns ausgeht (Max Weber), kann das für eine hinreichende Erklärung nicht genug sein, weil Individuen ohne ihre Einbettung in ‚Ordnungen‘ wie Sprache, Erziehung, Kultur, Recht, ja in ein historisch herausgebildetes Wirtschaftssystem etc. in ihrem davon bestimmten Verhalten, auch in ihrem wirtschaftlichen, nicht verständlich werden.“ (S. 36)

„Es gibt zweifellos den Typus des ‚homo cooperativus‘ in der Realität. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß und mit welchen Beschränkungen seine Wertprämissen Wirklichkeit werden.“ (S. 45)

Schriftliche Abschlussrunde

Am Ende der vergangenen Sitzung habe ich euch gebeten, jeweils noch einen Gedanken oder eine Frage auf einen Zettel zu schreiben. Hier die Ergebnisse:

Sind demokratische Mehrheitsentscheidungen kollektive/solidarische Entscheidungen?
Ist (wirklich) jede Handlung und alles Tun des Menschen rein egoistisch motiviert?
Können Menschen wirklich altruistisch bzw. „gut“ sein? Oder handeln Menschen immer egoistisch und können nur ihre Taten gut sein? Aber der Mensch besteht (wenigstens zu einem gewissen Teil) aus seinen Handlungen?
Macht uns kollektives, solidarisches Handeln freier oder unfreier?
Steckt nicht in jedem „homo cooperativus“ auch ein „homo oeoconomicus“?
Heißt „Aggregation“ „Zustand“?
Ich glaube (besonders) in wirtschaftlichen Zusammenhängen an das egoistische Handeln, gesellschaftlich ist dies nur bedingt zu finden.
Wie kam es zur großen Individualisierung in unserer westlichen Welt? Wie stark ist das durch den materiellen Wohlstand beflügelt?
Woraus ist Genossenschaftswesen entstanden, wie sahen Vorformen aus?
Ist eine Gesellschaft ein kollektives System, das also mehr ist als die Summe der einzelnen Individuen oder ist die Gesellschaft eine Zweckgemeinschaft zum Nutzen der Menschen, aber aus individuellen Egoisten?
Kann man überhaupt kollektiv handeln und Entscheidungen treffen oder agieren im Entscheidungsfindungsprozess nur einzelne Individuen wiederum nach Einzelinteressen und Eigennutzen?
Jedes nicht intuitive Handeln ist das Ergebnis einer Entscheidungsfindung und als solches egoistisch motiviert. Auch altruistisches Handeln ist Konsequenz einer Kosten-Nutzen-Rechnung.
Handlungen von Menschen können sowohl egoistischen als auch solidarischen Ursprungs ein. Eine absolute Trennung ist nie / nicht immer möglich.
Gesellschaft braucht das rational handelnde Individuum. Dies setzt die Freiheit des Individuums voraus. Das Individuum ist dabei aber grundlegend sozial, da die Grenzen zwischen egoistischer Rationalität und Altruismus verschwimmen.
Wenn Akteure nur Individuen sind und keine Kollektive, wie sind dann demokratische Entscheidungen zu verstehen (abstimmen), bei denen Individuen ausgelassen werden, weil sie nicht der Mehrheit angehören?
Wenn man davon ausgeht, dass das Individuum nur seine eigenen Interessen verfolgt, wie wird dann „Liebe“ und „Nächstenliebe“ verstanden? Gibt es so etwas wie reine Nächstenliebe dann überhaupt?
Obwohl sich jede Handlung leicht auf individuellen Nutzen zurückführen lässt, muss es Situationen geben, in denen das allgemeine Interesse schwerer wiegt.