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Reflexion zur Sitzung vom 26.04.2011

In der Sitzung vom 26.04.2011 wurde anhand eines Auszugs von Elinor Ostroms Buch „Governing the Commons“ (zu Deutsch: Die Verfassung der Allmende) ein Einstieg in die Problematik der Nutzung von Allgemeinbesitz geschaffen. Während der Begriff der Allmende in einem Lexikon des Mittelalters (ahd. alagimeinida = Allgemeingut; mhd. al[ge]meinde, almende) als Allgemeingut die gemeinsame Nutzung von Wald, Weide, Gewässern (und eingeschränkt durch den Wildbann auch Jagdrecht und Fischfang), sowie innerhalb des Dorfes Straßen und Wasserquellen bezeichnete[Peter C. A. Schels, Kleine Enzyklopädie des deutschen Mittelalters, Eine lexikalische Materialsammlung zum Mittelalter im deutschsprachigen Raum, Online] , kann man den Allgemeingutbegriff heute in einem Wirtschaftslexikonschon wesentlich abstrahierter als Allmenderessource, eine natürliche Ressource im Gemeineigentum, wo bei uneingeschränkter Zugriffsmöglichkeit die Gefahr der vorzeitigen Erschöpfung besteht[ Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Allmenderessource, online im Internet:
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/1070/allmenderessource-v6.html
] , finden.
Mit genau diesem Problem -dem der uneingeschränkten Nutzung bis zur Erschöpfung- befassten wir uns näher, indem wir zunächst selbst in einem kleinen Experiment im Rahmen der Spieltheorie berechnen konnten welchen Effekt der Eigenverbrauch von Gummibärchen im Gegensatz zur gemeinsamen Nutzung haben könnte. Jeder Spieler hatte Anrecht auf 10 Gummibärchen, jedes was an einen anderen Spieler gegeben wurde, konnte dadurch vervierfacht werden, allerdings gab es keine Garantie, von den vervielfachten Gummibärchen etwas zurückzubekommen, sondern per Los erhielt man einen Spielpartner, der die selben Entscheidungen treffen konnte, nämlich wie viele Gummibärchen er abgeben (bzw. selbst essen) wollte und wie viele vom Partner an ihn abgegebene er nach der Vervielfachung zurückgeben wollte. Hier wurde also der Ressourcenverlust bei Erschöpfung der Ressource durch nicht sinnvoll verteilte gemeinsame Nutzung gegen einen Ressourcengewinn bei gemeinsamer Nutzung ersetzt -rechnerisch bleibt es dabei, dass die gemeinsame Nutzung effektiver ist.
Dadurch, dass nicht jeder die kalkulierbar optimale Version 10 Gummibärchen abzugeben, dadurch 40 Gummibärchen zu zweit zu erhalten und diese dann zu teilen wählte (dies wurde bereits durch Kommentare beim Ausfüllen deutlich), konnte das Problem näher eingegrenzt werden. Die Entscheidung gegen die ökonomischste Variante -die gemeinsame Nutzung und Verteilung- beruhte nicht ausschließlich auf einem Rechen- oder Anreizproblem, wie das Wirtschaftslexikon ausführt: Ursache für die Fehlallokation ist der fehlende Anreiz für den individuellen Ressourcennutzer, die von ihm verursachten Nutzungskosten zu berücksichtigen.[ Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Allmenderessource, online im Internet:
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/1070/allmenderessource-v6.html
] ,sondern bei Allgemeinbesitz, der eben nicht staatlich reguliert wird muss der Einzelne darauf vertrauen können, dass alle anderen Gemeindemitglieder ebenso die optimale Nutzung vornehmen, anstatt sich zuerst bereichern. Die Variante, dass Einzelne nicht optimal handeln, bringt nämlich das große Risiko mit sich, dass in der Folge das gesamte Planungssystem zusammenbricht und damit die Nutzenkalkulation aus ihm für die Gemeindemitglieder. Aber erst durch diese (gedankliche) Möglichkeit selbst entsteht ein Kalkulationskonstrukt mit Risikoeinbezug, das nun die egoistische Nutzung des Einzelnen am Allgemeingut mit wenigstens geringem Ertrag vor der Erschöpfung des Gutes minimal besser darstellen kann, als das Risiko im Falle, dass sich alle so verhalten gar nichts mehr vom Gut abzubekommen.
Ebenso wie beim Gefangenendilemma-Spiel, das Ostrom in ihrer Einleitung verwendet, handelte es sich in unserem Experiment um ein nicht kooperatives Spiel, da durch Zulosung des Spielpartners eine Absprache unmöglich war. Gerade die (verbindliche) Absprache und Planung der gemeinsamen Nutzung stellte sich aber bei unseren Lösungsideen zur Aufteilung und Nutzung einer gemeinsamen Weide durch zwei Hirten als beste Möglichkeit heraus. Während das Ziehen eines Zaunes zur Aufteilung der Weide den Platz so minimieren könnte, dass Vieh oder Weide schaden nähmen und eine Sanktionierung, die die Übernutzung durch Viehabgabe unattraktiv machen würde wieder Zusatzkosten durch Kontrollinstanzen erfordern würde, wäre ein Nutzungsplan die ökonomisch beste Variante. Voraussetzung ist hier allerdings die sinnvolle und Vertrauen schaffende Kommunikation zwischen den Viehhütern zur fairen Planerstellung.
Ostroms Positivbeispiel der Fischer von Alanya, die ihre Fanggründe kartographisch erfasst haben und nach einem Rotationssystem von September bis Mai befischen beweist einerseits, dass durch die Kommunikation der Gemeindemitglieder ein sinnvolles Verteilungssystem des Gemeingutes geschaffen werden kann, andererseits, dass die Selbstorganisation der Betroffenen sogar effektiver sein kann als eine staatliche Regelung durch (externe) Beamte, die in diesem Fall beispielsweise die Fangplätze gar nicht so genau kennen können, wie die Fischer selbst.[Elinor Ostrom, die Verfassung der Allmende, ins Deutsche übersetzte Version des Mohr Siebeck Verlags von 1999, 1. Auflage, S.24-26] Für einen Einblick in eine alternative, gut funktionierende Allmenderessourcennutzung konnte uns das Beispiel am Ende der Sitzung, neben dem Problemaufriss einen ersten Ausblick auf Lösungswege geben.
Allerdings gibt Ostrom in ihrem Buch zum Beispiel der Fischer von Alanya bei ihrer Analyse des Versagens und der Fragilität von Institutionen zu bedenken, dass hier zwar das Verteilungsproblem geschickt gelöst werden konnte, aber das Problem der Zugangsbeschränkung zum Allgemeingut noch ungelöst ist. Wenn sich in Zukunft mehr Fischer in der Gegend ansiedeln und zu diesen Fangplätzen fahren wollen wird es ohne eine feste Arena kollektiver Entscheidungen für die Fischer in Alanya schwierig sein, ihre Regeln auch in Zukunft veränderten Bedingungen anzupassen.[Elinor Ostrom, die Verfassung der Allmende, ins Deutsche übersetzte Version des Mohr Siebeck Verlags von 1999, 1. Auflage, S.234]
Somit muss bei Gemeinbesitznutzung ohne staatliche Zugangsregelung immer auch mit neu auftretenden Schwierigkeiten und Problemsituationen gerechnet werden und ich glaube es bleibt dabei, dass die Kommunikation der Nutzungsbeanspruchenden eines der wesentlichsten Instrumente zur Erhaltung oder möglichen Neuregelung von Allgemeinbesitznutzung darstellt.