Beiträge von Nina

Versuch einer Kritik – inspiriert durch John Holloway

Warum brauchen wir eine Solidarische Ökonomie?
Ist das nicht ein utopisches Gedankenkonstrukt linker Träumer_innen und verkappter Schreibtischrevoluzzer_innen? Kann sie in real gedachter und praktizierter Wirtschaft bestehen?
Was macht den Begriff und die Praxis der Solidarität so faszinierend, vielleicht prekär? Und so notwendig?
Fragen über Fragen.

Unser momentanes kapitalistisches Wirtschaftssystem manifestiert sich in Konkurrenz- und somit Wachstumszwang auf einem expandierenden Weltmarkt UND in unseren kleinen individuellen Lebenswelten. Michel Foucault erklärt in Überwachen und Strafen, warum unser derzeitiges kapitalistisches Wirtschaftssystem so mächtig ist. Er nennt das „Systemdarwinismus“: Das erfolreichere, dem Charakter der Menschen passendere System, wird sich gegen andere Systeme durchsetzen. (Foucault 1976)
Das lesen wir, die wir noch hoffen, nicht gerne!

Solidarität und Kapitalismus stehen sich unvereinbar gegenüber, denn individuelles Wachstumsbestreben und somit das Konkurrieren mit und das Ausstechen von anderen kann niemals solidarisch sein.

Wenn wir also unser Zusammenleben solidarisch gestalten wollen bleibt in letzter Konsequenz nur ein Ausweg: Die Überwindung des so bequemen und doch mittlerweile strauchelnden Kapitalismus in der Welt, in uns, sowie die Überwindung aller ihn reproduzierenden Organe.

„Staaten sind nicht dafür zu gebrauchen, radikalen sozialen Wandel hervorzurufen, aus dem ganz einfachen Grund, dass die Kapitalflucht, die jeder dieser Versuche auslösen würde, die Existenz des Staates selbst bedrohen würde. […] Staaten funktionieren insofern, als sie den kapitalistischen Status Quo reproduzieren.“
(Holloway 2007, 43f)

Holloway spricht in diesem Kontext also von der Überwindung des Staates, bzw. von der Überwindung der Idee, über das Erlangen der Staatsmacht, sei dies in demokratischer oder revolutionärer Form, existenzielle Veränderungen hervorzubringen zu können.

Wenn wir also keine Partei gründen, oder die Welt durch andere Formen der Machtnutzung verändern können, was tun wir dann? Was tun wir wenn wir Nein, oder in den Worten der zapatistischen Bewegung ¡Ya basta! – Es reicht!, sagen wollen zu dieser Gesamtscheiße? Wenn wir das Gegenteil beweisen und praktizieren wollen?
Es scheint einfach: Nein sagen reicht nicht aus!

John Holloway benennt dieses Nein-Sagen mit „Schrei“, „Negativität“ (Holloway 2002, 10-20) Zentral ist bei diesen Begriffen ihre gedachte und praktizierte Zweidimensionalität, d.h. aus dem Nein muss ein Ja folgen, aus der Ablehnung der aktuellen Verhältnisse muss das Denken und die Umsetzung einer Vision folgen. Passiert dies nicht, ergeben wir uns bestenfalls, nach pubertärer Rebellion, resignierend und melancholisch-träumend in die aktuellen Unterdrückungs- und Machtmechanismen, werden und bleiben Teil von ihnen. Die Vision stigmatisieren wir in unseren Köpfen als Utopie. Widerstand bleibt kontrolliert oder schlimmer: rein destruktiv.

Offensichtlich gibt es also zwei Haltungs- (immer verbunden mit) Handlungsalternativen:

Reaktion:
Resignation und ein bequemes Leben wählen. Das Beste aus der Situation machen. „Aussteigen“, sich also in kleine bunt angemalte Schutzräume zurückziehen und dort die Utopie im Kleinen praktizieren. (Ja, auch das ist Ausdruck der Resignation, denn es schmeckt bitter nach Exklusivität, wenn „Aussteiger_innen“ ihren Raum nicht öffnen für emanzipatorische politische Arbeit und Inspiration und Vernetzung von und nach außen.)

Die Konformitätsgravitation unserer Gesellschaft auf der einen Seite, der Individualisierungszwang auf der anderen laden uns tagtäglich penetrant zu Resignation ein. Fühlen wir uns schlecht, wegen dem Kaffee, neulich bei Starbucks, kaufen wir eben die nächste Packung Kaffee mal Fair Trade. Gehen wir in die Politik helfen wir mit einschläfernde Kompromisse zu formulieren, die unser NEIN zum nein formatieren…

Wollen wir das alles nicht --- bleibt nur die Aktion:
Strukturen schaffen, die dem Kapitalismus schrittweise die Substanz entziehen. Das können wir, weil wir ihn machen!

„Das Kapital ist von jedem Moment auf den nächsten auf uns angewiesen. Das Kapital ist darauf angewiesen, unser Tun in entfremdete Arbeit und unser Leben in Überleben zu verwandeln. Der Kapitalismus wird von uns gemacht. Das Problem der Revolution ist nicht die Abschaffung des Kapitalismus, sondern aufzuhören ihn zu machen.“
(Holloway 2007, 70)

Strukturen solidarischer Ökonomie bilden in einer anderen Vorstellung von Zusammenleben einen zentralen Punkt, denn wenn wir nicht nomadische Lebensformen wählen, muss es Wege geben rückentfremdete Arbeit und ihre Produkte in der Gemeinschaft zu organisieren.

Doch was ist mit den Umständen, an die wir uns so gewöhnt haben, unserem sogenannten Lebensstandard? Müssen wir, wollen wir, können wir den auch überwinden? Müssen, wollen, können wir verzichten? (Auf eine riesige Auswahl an Konsumgütern beispielsweise, wenn Überproduktion vermieden werden soll.)
Vor diesen Fragen Angst zu haben ist erlaubt und berechtigt! Einschlagende Veränderungen sind oft beängstigend. Alles, was wir kennen, wie wir aufgewachsen und sozialisiert sind wird hier in Frage gestellt. Wir dürfen Angst haben!

Gehen wir aber im Gegenzug davon aus, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir uns immer weiter entfremden, von unserer Arbeit, von unserem Selbst, ständig dabei unser persönliches Humankapital zu vermehren in Konkurrenz mit unseren Mitmenschen, so sollten wir ebenfalls zittern, uns ekeln.

„Der Staat trennt das Öffentliche von Privaten, indem er das tut spaltet er unsere öffentliche, ernsthafte Seite von unserer privaten, leichtsinnigen, irrelevanten ab. Der Staat fragmentiert uns, er entfremdet uns von uns selbst.“
(Holloway 2007, 44)

Wäre es nicht so gesehen eine „Aufwertung“ unseres Lebensstandards, wenn wir nicht mehr in diesem Rennen um Karriere, Arbeit, Geld, Konsum und Anerkennung mit anderen darum kämpfen müssten?
Ist die Vorstellung, dass es uns glücklich macht, selbst zu sähen, was wir ernten, zu netzwerken statt zu zerstreuen, zu teilen, was wir haben, zu arbeiten, und wissen wofür… nicht ermutigend?
Unser Verzicht wäre einer auf Scheinbedürfnisse. (Über deren Befriedigung basteln wir uns momentan in diesem Wettlauf eine Identität zusammen.)
Doch der Kleber unserer Scheinidentität bröckelt! Und das ist gut so!

Um dann aber nicht in Zukunft möglicherweise unvorbereitet mit unserer Selbst-Fragmentierung (Ein Zusammenbruch der Weltwirtschaft, also ein kollabierender Kapitalismus, wäre da noch die eher harmlose Variante…) konfrontiert zu werden, müssen wir jetzt anfangen unsere Scheinidentität zu entlarven. Wir brauchen jetzt (!) soziale, ökonomische, ökologische, politische Experimentierfelder, in denen wir Fähigkeiten und Gedanken teilen können, in denen wir neue Formen des Zusammenlebens praktizieren und kritisieren können, in denen wir unsere Angst in Zuversicht verwandeln können, in denen wir kollektiv wirtschaften können, uns vom Konstrukt des Eigentums und dem Wahn, es „verteidigen“ zu müssen langsam lösen können…!

Wir müssen nicht versuchen Konzepte und schon existierende Strukturen zu kopieren. Wir können uns befähigen eigene zu entwerfen. Wir können unsere Querköpfe öffnen für Inspiration. Wir können unsere Angst ablegen, wenn „wir“ nicht „jeder für sich“ heißt. Wir können inspirieren statt belehren. Praktizieren statt studieren!

Bemerkung: Die Verwendung der ersten Person Plural statt des „ich“ ist ein sprachliches Werkzeug der politischen Agitation. Die Texte Holloways haben mich zur Verwendung des „wir“ bewegt.


Lesestoff:

FOUCAULT, Michel (1976). Überwachen und Strafen. Die Geburt der Gefängnisse. Suhrkamp: Frankfurt a.M.
HOLLOWAY, John. (2002). Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen. Westfälisches Dampfboot: Münster.
HOLLOWAY, John. (2007). Die zwei Zeiten der Revolution. Würde; Macht und Politik der Zapatistas. Turia+Kant:Wien.