Beiträge von muellerheinz

Reflexion der Seminarstunde „Betriebsbesetzungen in Argentinien“ vom 07.06.2011

Die Seminarstunde vom 07.06.2011 thematisierte die Betriebsbesetzungen in Argentinien.

Der Hauptgrund für die Betriebsbesetzungen ist dabei die ab dem Jahre 1998 herrschende Wirtschaftskrise in Argentinien, obwohl es schon in den 70er Jahren zu ersten Betriebsbesetzungen kam:
„In den 70er Jahren wurden aus ideologischen Gründen Fabriken besetzt. Heute machst du die Besetzung aus einer Notlage heraus, und die Ideologie kommt erst hinterher“
Besetzer der kleinen Brotfabrik Panificación 5, 2002 (http://www.wildcat-www.de/wildcat/70/w70argen.htm).
Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise fand man in Argentinien schlechte Lebensbedingungen vor. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung galt als arm oder bedürftig und ein Drittel der Bevölkerung war ohne Vollbeschäftigung. Aufgrund dieser schlechten Lebensverhältnisse kam es zu einer starken Solidarisierung, die über „gesellschaftliche Schichten“ hinweg ging. Eine Reaktion beziehungsweise ein Selbsthilfeversuch der Bevölkerung darauf waren die Betriebsbesetzungen.
Die Betriebsbesetzungen wurden überwiegend von männlichen Hauptverdienern angetrieben, deren bestreben es jedoch nicht war, einen „Arbeitsplatz ohne Chef“ zu schaffen, sondern denen es darum ging, ihre Arbeitsplätze zurückzuerobern (vgl. http://www.labournet.de/internationales/ar/arnold.html). Dieser Prozess bedingte oft starke Konflikte.
Nach der Besetzung, die erstmals illegal war, begannen die ArbeiterInnen die Produktion in Selbstverwaltung wieder aufzunehmen. Um die ehemals enorm hierarchisch strukturierten Unternehmen neu zu strukturieren hatte jede(r) ArbeiterIn nun das gleiche Mitbestimmungsrecht. Dies hatte zur Folge, das jeder Arbeiter fast den gleichen Lohn (ca. 300 Dollar Monatslohn; vorher lediglich 250 Dollar Monatslohn) erhielt und regelmäßige Betriebsversammlungen stattfanden. Diese Versammlungen wurden zum obersten Entscheidungskriterium für Beschlüsse im Unternehmen. Da die „Führungsetage“ der Unternehmen in den besetzten Betrieben nicht mehr existierte, sahen sich die verbliebenen ArbeiterInnen auch mit neuen Aufgaben, wie zum Beispiel der Buchhaltung, konfrontiert.
Diese Entwicklung wurde natürlich auch von der Regierung wahrgenommen, die jedoch aufgrund der großen Solidarisierung der Gesellschaft mit den Besetzern nicht mit Repression reagieren konnte. Die Regierung verabschiedete somit 2002 im Konkursgesetz, das besetzte Betriebe Kooperativen gründen können, die nach einer „Erprobungszeit“ von zwei Jahren dann zur kompletten Übernahme des Unternehmens führen können. Diese Abwicklungsform war jedoch mit hohen Risiken für die Besetzer verbunden, da sie in den zwei Jahren verschiedene Hürden überwinden mussten. Sie mussten die besetzte Fabrik zu einem rentablen Unternehmen machen, um es später kaufen zu dürfen. Jedoch sollten sie in den zwei Jahren nicht nur genügend Kapital erwirtschaften, um den Kauf des Unternehmens zu stemmen, sondern auch noch jegliche Schulden des vorherigen Eigentümers übernehmen, wobei sie aufgrund ausstehender Löhne selbst zu den Gläubigern gehörten (vgl. ebd.).
Dies sind die Rahmenbedingungen, unter denen ArbeiterInnen in Argentinien um ihre Arbeitsplätze gekämpft haben. Die Angaben für besetzte Betriebe in Argentinien schwanken zwischen 100 Betrieben mit 8000 Beschäftigten und 250 Betrieben mit 15.000 Beschäftigten, wobei bei den Unternehmen alle Branchen der Produktion vertreten sind. Auffällig ist, dass ein Großteil der Betriebe (¾ aller Betriebe) „nur“ 50 oder weniger Mitarbeiter haben und 60 Prozent der besetzten Betriebe in der Hauptstadt oder in deren Randbezirken zu finden sind.
Im Jahre 2001 gründete sich die MNER, die „Nationale Bewegung instandbesetzter Betriebe“, von der sich 2003 unter Leitung von Dr. Luis Caro die MNFRT abspaltete. Das Ziel dieser Bewegungen liegt in der Legalisierung von besetzten Betrieben als Kooperative. Ein Großteil der Betriebe hat sich der MNER beziehungsweise der MNFRT angeschlossen (vgl. http://www.wildcat-www.de/wildcat/70/w70argen.htm).

Wenn man nun auf die Entwicklung dieser Bewegung betrachtet, dann sind Erfolge schnell zu erkennen. Der größte und wahrscheinlich offensichtlichste Erfolg der Betriebsbesetzungen in Argentinien ist natürlich der Erhalt der Arbeitsplätze und der damit verbunden Erhalt der Produktion. Jedoch konnte die Personalstärke der Betriebe sogar erhöht und das Einkommen verbessert werden.
Die Stärken der besetzten Unternehmen liegen vor allem an einem scheinbar einfachen Unterschied: die Arbeiter arbeiten nun für sich und ihren Arbeitsplatz und nicht mehr, um irgendeine Arbeit abzuleisten. An dieser erhöhten Teilhabe am Unternehmen lässt sich auch die gesteigerte Motivation und Effizienz der Arbeiter festmachen. Des Weiteren ist die Unternehmensführung nun transparent und verständlich und weckt größeres Vertrauen bei den Arbeitern und Arbeiterinnen.
Die Probleme der Bewegung sind verschiedener Art. Einerseits ist es eine ganz neue und risikoreiche Aufgabe für die ArbeiterInnen, ein geschlossenes Unternehmen eigenverantwortlich zu führen. Andererseits ist die Eigentumsfrage eine großes Problem, da das Unternehmen sich in zwei Jahren beweisen muss, um eine Übernahme durch die ArbeiterInnen zu ermöglichen.

Abschließend betrachtet ist die positive Entwicklung der Bewegung hauptsächlich auf die enorme Solidarität in der Gesellschaft zurückzuführen, oder wie es in Argentinien heißt: companerismo.

Anmerkung zu den Quellen:
Diese Reflexion beruht zum größten Teil auf meinen Mitschriften der Seminarstunde und der dort gezeigten Power-Point-Präsentation. Textstellen, die nicht in diesem Zusammenhang stehen, habe ich den unten genannten Internetlinks entnommen, die jedoch auch schon Grundlage für die Power-Point-Präsentation waren.

http://www.wildcat-www.de/wildcat/70/w70argen.htm (19.06.2011)
http://www.labournet.de/internationales/ar/arnold.html (19.06.2011)