Archiv für Mai 2011

Versuch einer Kritik – inspiriert durch John Holloway

Warum brauchen wir eine Solidarische Ökonomie?
Ist das nicht ein utopisches Gedankenkonstrukt linker Träumer_innen und verkappter Schreibtischrevoluzzer_innen? Kann sie in real gedachter und praktizierter Wirtschaft bestehen?
Was macht den Begriff und die Praxis der Solidarität so faszinierend, vielleicht prekär? Und so notwendig?
Fragen über Fragen.

Unser momentanes kapitalistisches Wirtschaftssystem manifestiert sich in Konkurrenz- und somit Wachstumszwang auf einem expandierenden Weltmarkt UND in unseren kleinen individuellen Lebenswelten. Michel Foucault erklärt in Überwachen und Strafen, warum unser derzeitiges kapitalistisches Wirtschaftssystem so mächtig ist. Er nennt das „Systemdarwinismus“: Das erfolreichere, dem Charakter der Menschen passendere System, wird sich gegen andere Systeme durchsetzen. (Foucault 1976)
Das lesen wir, die wir noch hoffen, nicht gerne!

Solidarität und Kapitalismus stehen sich unvereinbar gegenüber, denn individuelles Wachstumsbestreben und somit das Konkurrieren mit und das Ausstechen von anderen kann niemals solidarisch sein.

Wenn wir also unser Zusammenleben solidarisch gestalten wollen bleibt in letzter Konsequenz nur ein Ausweg: Die Überwindung des so bequemen und doch mittlerweile strauchelnden Kapitalismus in der Welt, in uns, sowie die Überwindung aller ihn reproduzierenden Organe.

„Staaten sind nicht dafür zu gebrauchen, radikalen sozialen Wandel hervorzurufen, aus dem ganz einfachen Grund, dass die Kapitalflucht, die jeder dieser Versuche auslösen würde, die Existenz des Staates selbst bedrohen würde. […] Staaten funktionieren insofern, als sie den kapitalistischen Status Quo reproduzieren.“
(Holloway 2007, 43f)

Holloway spricht in diesem Kontext also von der Überwindung des Staates, bzw. von der Überwindung der Idee, über das Erlangen der Staatsmacht, sei dies in demokratischer oder revolutionärer Form, existenzielle Veränderungen hervorzubringen zu können.

Wenn wir also keine Partei gründen, oder die Welt durch andere Formen der Machtnutzung verändern können, was tun wir dann? Was tun wir wenn wir Nein, oder in den Worten der zapatistischen Bewegung ¡Ya basta! – Es reicht!, sagen wollen zu dieser Gesamtscheiße? Wenn wir das Gegenteil beweisen und praktizieren wollen?
Es scheint einfach: Nein sagen reicht nicht aus!

John Holloway benennt dieses Nein-Sagen mit „Schrei“, „Negativität“ (Holloway 2002, 10-20) Zentral ist bei diesen Begriffen ihre gedachte und praktizierte Zweidimensionalität, d.h. aus dem Nein muss ein Ja folgen, aus der Ablehnung der aktuellen Verhältnisse muss das Denken und die Umsetzung einer Vision folgen. Passiert dies nicht, ergeben wir uns bestenfalls, nach pubertärer Rebellion, resignierend und melancholisch-träumend in die aktuellen Unterdrückungs- und Machtmechanismen, werden und bleiben Teil von ihnen. Die Vision stigmatisieren wir in unseren Köpfen als Utopie. Widerstand bleibt kontrolliert oder schlimmer: rein destruktiv.

Offensichtlich gibt es also zwei Haltungs- (immer verbunden mit) Handlungsalternativen:

Reaktion:
Resignation und ein bequemes Leben wählen. Das Beste aus der Situation machen. „Aussteigen“, sich also in kleine bunt angemalte Schutzräume zurückziehen und dort die Utopie im Kleinen praktizieren. (Ja, auch das ist Ausdruck der Resignation, denn es schmeckt bitter nach Exklusivität, wenn „Aussteiger_innen“ ihren Raum nicht öffnen für emanzipatorische politische Arbeit und Inspiration und Vernetzung von und nach außen.)

Die Konformitätsgravitation unserer Gesellschaft auf der einen Seite, der Individualisierungszwang auf der anderen laden uns tagtäglich penetrant zu Resignation ein. Fühlen wir uns schlecht, wegen dem Kaffee, neulich bei Starbucks, kaufen wir eben die nächste Packung Kaffee mal Fair Trade. Gehen wir in die Politik helfen wir mit einschläfernde Kompromisse zu formulieren, die unser NEIN zum nein formatieren…

Wollen wir das alles nicht --- bleibt nur die Aktion:
Strukturen schaffen, die dem Kapitalismus schrittweise die Substanz entziehen. Das können wir, weil wir ihn machen!

„Das Kapital ist von jedem Moment auf den nächsten auf uns angewiesen. Das Kapital ist darauf angewiesen, unser Tun in entfremdete Arbeit und unser Leben in Überleben zu verwandeln. Der Kapitalismus wird von uns gemacht. Das Problem der Revolution ist nicht die Abschaffung des Kapitalismus, sondern aufzuhören ihn zu machen.“
(Holloway 2007, 70)

Strukturen solidarischer Ökonomie bilden in einer anderen Vorstellung von Zusammenleben einen zentralen Punkt, denn wenn wir nicht nomadische Lebensformen wählen, muss es Wege geben rückentfremdete Arbeit und ihre Produkte in der Gemeinschaft zu organisieren.

Doch was ist mit den Umständen, an die wir uns so gewöhnt haben, unserem sogenannten Lebensstandard? Müssen wir, wollen wir, können wir den auch überwinden? Müssen, wollen, können wir verzichten? (Auf eine riesige Auswahl an Konsumgütern beispielsweise, wenn Überproduktion vermieden werden soll.)
Vor diesen Fragen Angst zu haben ist erlaubt und berechtigt! Einschlagende Veränderungen sind oft beängstigend. Alles, was wir kennen, wie wir aufgewachsen und sozialisiert sind wird hier in Frage gestellt. Wir dürfen Angst haben!

Gehen wir aber im Gegenzug davon aus, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir uns immer weiter entfremden, von unserer Arbeit, von unserem Selbst, ständig dabei unser persönliches Humankapital zu vermehren in Konkurrenz mit unseren Mitmenschen, so sollten wir ebenfalls zittern, uns ekeln.

„Der Staat trennt das Öffentliche von Privaten, indem er das tut spaltet er unsere öffentliche, ernsthafte Seite von unserer privaten, leichtsinnigen, irrelevanten ab. Der Staat fragmentiert uns, er entfremdet uns von uns selbst.“
(Holloway 2007, 44)

Wäre es nicht so gesehen eine „Aufwertung“ unseres Lebensstandards, wenn wir nicht mehr in diesem Rennen um Karriere, Arbeit, Geld, Konsum und Anerkennung mit anderen darum kämpfen müssten?
Ist die Vorstellung, dass es uns glücklich macht, selbst zu sähen, was wir ernten, zu netzwerken statt zu zerstreuen, zu teilen, was wir haben, zu arbeiten, und wissen wofür… nicht ermutigend?
Unser Verzicht wäre einer auf Scheinbedürfnisse. (Über deren Befriedigung basteln wir uns momentan in diesem Wettlauf eine Identität zusammen.)
Doch der Kleber unserer Scheinidentität bröckelt! Und das ist gut so!

Um dann aber nicht in Zukunft möglicherweise unvorbereitet mit unserer Selbst-Fragmentierung (Ein Zusammenbruch der Weltwirtschaft, also ein kollabierender Kapitalismus, wäre da noch die eher harmlose Variante…) konfrontiert zu werden, müssen wir jetzt anfangen unsere Scheinidentität zu entlarven. Wir brauchen jetzt (!) soziale, ökonomische, ökologische, politische Experimentierfelder, in denen wir Fähigkeiten und Gedanken teilen können, in denen wir neue Formen des Zusammenlebens praktizieren und kritisieren können, in denen wir unsere Angst in Zuversicht verwandeln können, in denen wir kollektiv wirtschaften können, uns vom Konstrukt des Eigentums und dem Wahn, es „verteidigen“ zu müssen langsam lösen können…!

Wir müssen nicht versuchen Konzepte und schon existierende Strukturen zu kopieren. Wir können uns befähigen eigene zu entwerfen. Wir können unsere Querköpfe öffnen für Inspiration. Wir können unsere Angst ablegen, wenn „wir“ nicht „jeder für sich“ heißt. Wir können inspirieren statt belehren. Praktizieren statt studieren!

Bemerkung: Die Verwendung der ersten Person Plural statt des „ich“ ist ein sprachliches Werkzeug der politischen Agitation. Die Texte Holloways haben mich zur Verwendung des „wir“ bewegt.


Lesestoff:

FOUCAULT, Michel (1976). Überwachen und Strafen. Die Geburt der Gefängnisse. Suhrkamp: Frankfurt a.M.
HOLLOWAY, John. (2002). Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen. Westfälisches Dampfboot: Münster.
HOLLOWAY, John. (2007). Die zwei Zeiten der Revolution. Würde; Macht und Politik der Zapatistas. Turia+Kant:Wien.

Themen getauscht

Aufgrund kurzfristiger Absagen muss ich den Seminarplan kurzfristig ändern. Die Sitzung zu den Projekten solidarischer Ökonomie in Köln, die für heute geplant war, findet jetzt am 27. Juni statt. Statt dessen beschäftigen wir uns schon heute mit dem Thema „Solidarische Ökonomie weltweit: Fair Trade“.

Präsentationen zu den Pecha-Kucha-Vorträgen

Hier findet ihr die Präsentationen zu den Pecha-Kucha-Vorträgen aus der Sitzung vom 10. Mai. Teilweise sind die Dateien wegen der Bilder etwas größer (max. 3MB)

Chiemgauer
Dorfläden
hgeno
Kinderarmut
Lebensmittel
Mikrokredite
Niederkaufungen
SSK/SSM

Hat mir sehr viel Spaß gemacht!

Reflexion zur Sitzung vom 26.04.2011

In der Sitzung vom 26.04.2011 wurde anhand eines Auszugs von Elinor Ostroms Buch „Governing the Commons“ (zu Deutsch: Die Verfassung der Allmende) ein Einstieg in die Problematik der Nutzung von Allgemeinbesitz geschaffen. Während der Begriff der Allmende in einem Lexikon des Mittelalters (ahd. alagimeinida = Allgemeingut; mhd. al[ge]meinde, almende) als Allgemeingut die gemeinsame Nutzung von Wald, Weide, Gewässern (und eingeschränkt durch den Wildbann auch Jagdrecht und Fischfang), sowie innerhalb des Dorfes Straßen und Wasserquellen bezeichnete[Peter C. A. Schels, Kleine Enzyklopädie des deutschen Mittelalters, Eine lexikalische Materialsammlung zum Mittelalter im deutschsprachigen Raum, Online] , kann man den Allgemeingutbegriff heute in einem Wirtschaftslexikonschon wesentlich abstrahierter als Allmenderessource, eine natürliche Ressource im Gemeineigentum, wo bei uneingeschränkter Zugriffsmöglichkeit die Gefahr der vorzeitigen Erschöpfung besteht[ Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Allmenderessource, online im Internet:
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/1070/allmenderessource-v6.html
] , finden.
Mit genau diesem Problem -dem der uneingeschränkten Nutzung bis zur Erschöpfung- befassten wir uns näher, indem wir zunächst selbst in einem kleinen Experiment im Rahmen der Spieltheorie berechnen konnten welchen Effekt der Eigenverbrauch von Gummibärchen im Gegensatz zur gemeinsamen Nutzung haben könnte. Jeder Spieler hatte Anrecht auf 10 Gummibärchen, jedes was an einen anderen Spieler gegeben wurde, konnte dadurch vervierfacht werden, allerdings gab es keine Garantie, von den vervielfachten Gummibärchen etwas zurückzubekommen, sondern per Los erhielt man einen Spielpartner, der die selben Entscheidungen treffen konnte, nämlich wie viele Gummibärchen er abgeben (bzw. selbst essen) wollte und wie viele vom Partner an ihn abgegebene er nach der Vervielfachung zurückgeben wollte. Hier wurde also der Ressourcenverlust bei Erschöpfung der Ressource durch nicht sinnvoll verteilte gemeinsame Nutzung gegen einen Ressourcengewinn bei gemeinsamer Nutzung ersetzt -rechnerisch bleibt es dabei, dass die gemeinsame Nutzung effektiver ist.
Dadurch, dass nicht jeder die kalkulierbar optimale Version 10 Gummibärchen abzugeben, dadurch 40 Gummibärchen zu zweit zu erhalten und diese dann zu teilen wählte (dies wurde bereits durch Kommentare beim Ausfüllen deutlich), konnte das Problem näher eingegrenzt werden. Die Entscheidung gegen die ökonomischste Variante -die gemeinsame Nutzung und Verteilung- beruhte nicht ausschließlich auf einem Rechen- oder Anreizproblem, wie das Wirtschaftslexikon ausführt: Ursache für die Fehlallokation ist der fehlende Anreiz für den individuellen Ressourcennutzer, die von ihm verursachten Nutzungskosten zu berücksichtigen.[ Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Allmenderessource, online im Internet:
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/1070/allmenderessource-v6.html
] ,sondern bei Allgemeinbesitz, der eben nicht staatlich reguliert wird muss der Einzelne darauf vertrauen können, dass alle anderen Gemeindemitglieder ebenso die optimale Nutzung vornehmen, anstatt sich zuerst bereichern. Die Variante, dass Einzelne nicht optimal handeln, bringt nämlich das große Risiko mit sich, dass in der Folge das gesamte Planungssystem zusammenbricht und damit die Nutzenkalkulation aus ihm für die Gemeindemitglieder. Aber erst durch diese (gedankliche) Möglichkeit selbst entsteht ein Kalkulationskonstrukt mit Risikoeinbezug, das nun die egoistische Nutzung des Einzelnen am Allgemeingut mit wenigstens geringem Ertrag vor der Erschöpfung des Gutes minimal besser darstellen kann, als das Risiko im Falle, dass sich alle so verhalten gar nichts mehr vom Gut abzubekommen.
Ebenso wie beim Gefangenendilemma-Spiel, das Ostrom in ihrer Einleitung verwendet, handelte es sich in unserem Experiment um ein nicht kooperatives Spiel, da durch Zulosung des Spielpartners eine Absprache unmöglich war. Gerade die (verbindliche) Absprache und Planung der gemeinsamen Nutzung stellte sich aber bei unseren Lösungsideen zur Aufteilung und Nutzung einer gemeinsamen Weide durch zwei Hirten als beste Möglichkeit heraus. Während das Ziehen eines Zaunes zur Aufteilung der Weide den Platz so minimieren könnte, dass Vieh oder Weide schaden nähmen und eine Sanktionierung, die die Übernutzung durch Viehabgabe unattraktiv machen würde wieder Zusatzkosten durch Kontrollinstanzen erfordern würde, wäre ein Nutzungsplan die ökonomisch beste Variante. Voraussetzung ist hier allerdings die sinnvolle und Vertrauen schaffende Kommunikation zwischen den Viehhütern zur fairen Planerstellung.
Ostroms Positivbeispiel der Fischer von Alanya, die ihre Fanggründe kartographisch erfasst haben und nach einem Rotationssystem von September bis Mai befischen beweist einerseits, dass durch die Kommunikation der Gemeindemitglieder ein sinnvolles Verteilungssystem des Gemeingutes geschaffen werden kann, andererseits, dass die Selbstorganisation der Betroffenen sogar effektiver sein kann als eine staatliche Regelung durch (externe) Beamte, die in diesem Fall beispielsweise die Fangplätze gar nicht so genau kennen können, wie die Fischer selbst.[Elinor Ostrom, die Verfassung der Allmende, ins Deutsche übersetzte Version des Mohr Siebeck Verlags von 1999, 1. Auflage, S.24-26] Für einen Einblick in eine alternative, gut funktionierende Allmenderessourcennutzung konnte uns das Beispiel am Ende der Sitzung, neben dem Problemaufriss einen ersten Ausblick auf Lösungswege geben.
Allerdings gibt Ostrom in ihrem Buch zum Beispiel der Fischer von Alanya bei ihrer Analyse des Versagens und der Fragilität von Institutionen zu bedenken, dass hier zwar das Verteilungsproblem geschickt gelöst werden konnte, aber das Problem der Zugangsbeschränkung zum Allgemeingut noch ungelöst ist. Wenn sich in Zukunft mehr Fischer in der Gegend ansiedeln und zu diesen Fangplätzen fahren wollen wird es ohne eine feste Arena kollektiver Entscheidungen für die Fischer in Alanya schwierig sein, ihre Regeln auch in Zukunft veränderten Bedingungen anzupassen.[Elinor Ostrom, die Verfassung der Allmende, ins Deutsche übersetzte Version des Mohr Siebeck Verlags von 1999, 1. Auflage, S.234]
Somit muss bei Gemeinbesitznutzung ohne staatliche Zugangsregelung immer auch mit neu auftretenden Schwierigkeiten und Problemsituationen gerechnet werden und ich glaube es bleibt dabei, dass die Kommunikation der Nutzungsbeanspruchenden eines der wesentlichsten Instrumente zur Erhaltung oder möglichen Neuregelung von Allgemeinbesitznutzung darstellt.