Hausarbeit: Open Access – Ein Weg zu einer freien Wissenschaft für alle?

Ihr könnt zur besseren Lesbarkeit auch diese pdf-Datei verwenden. http://db.tt/Jh3aZ0c

1. Einleitung

„Seit jeher bemühen sich Wissenschaftler, die Ergebnisse ihrer Forschung dauerhaft zu dokumentieren und zu veröffentlichen (Andermann 2006, S.221).“ Die Veröffentlichung der Forschung sollte also möglichst breit sein, um dauerhaft zu bleiben. Dies steht dem Urheberrecht, das in Deutschland gilt, diametral entgegen. Dieses soll die Urheber_in von geistigem Schaffen schützen und somit eine unkontrollierte Verbreitung dieses Schaffens verhindern. Bei wissenschaftlichen Publikationen werden die Erkenntnisse in neue Forschungen aufgenommen. Die Forschungsergebnisse sollen sich gegenseitig inspirieren. Es stellt sich also die Frage, wie der Umgang von wissenschaftlicher Literatur mit dem Urheberrecht aussehen könnte.
Wissenschaftliche Publikationen sollen zur Mehrung gesellschaftlichen Wissens beitragen und werden zudem zumeist staatlich finanziert. Ist in anderen Bereichen staatlicher Finanzierung die Verfügbarkeit der Erzeugnisse selbstverständlich (z.B. Bundeszentrale für politische Bildung), so wird dieses durch das Verlagswesen in der Forschung im großen Umfang eingeschränkt. Wissenschaftsinstitute, Bibliotheksverbände und die Hochschulrektorenkonferenz setzten sich in der Berliner Erklärung von 2003 das Ziel, einen weltweiten kostenfreien Zugang zu Wissen zu erreichen, also Open Access umzusetzen. (mehr…)

Reflexion der Seminarstunde „Betriebsbesetzungen in Argentinien“ vom 07.06.2011

Die Seminarstunde vom 07.06.2011 thematisierte die Betriebsbesetzungen in Argentinien.

Der Hauptgrund für die Betriebsbesetzungen ist dabei die ab dem Jahre 1998 herrschende Wirtschaftskrise in Argentinien, obwohl es schon in den 70er Jahren zu ersten Betriebsbesetzungen kam:
„In den 70er Jahren wurden aus ideologischen Gründen Fabriken besetzt. Heute machst du die Besetzung aus einer Notlage heraus, und die Ideologie kommt erst hinterher“
Besetzer der kleinen Brotfabrik Panificación 5, 2002 (http://www.wildcat-www.de/wildcat/70/w70argen.htm).
Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise fand man in Argentinien schlechte Lebensbedingungen vor. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung galt als arm oder bedürftig und ein Drittel der Bevölkerung war ohne Vollbeschäftigung. Aufgrund dieser schlechten Lebensverhältnisse kam es zu einer starken Solidarisierung, die über „gesellschaftliche Schichten“ hinweg ging. Eine Reaktion beziehungsweise ein Selbsthilfeversuch der Bevölkerung darauf waren die Betriebsbesetzungen.
Die Betriebsbesetzungen wurden überwiegend von männlichen Hauptverdienern angetrieben, deren bestreben es jedoch nicht war, einen „Arbeitsplatz ohne Chef“ zu schaffen, sondern denen es darum ging, ihre Arbeitsplätze zurückzuerobern (vgl. http://www.labournet.de/internationales/ar/arnold.html). Dieser Prozess bedingte oft starke Konflikte.
Nach der Besetzung, die erstmals illegal war, begannen die ArbeiterInnen die Produktion in Selbstverwaltung wieder aufzunehmen. Um die ehemals enorm hierarchisch strukturierten Unternehmen neu zu strukturieren hatte jede(r) ArbeiterIn nun das gleiche Mitbestimmungsrecht. Dies hatte zur Folge, das jeder Arbeiter fast den gleichen Lohn (ca. 300 Dollar Monatslohn; vorher lediglich 250 Dollar Monatslohn) erhielt und regelmäßige Betriebsversammlungen stattfanden. Diese Versammlungen wurden zum obersten Entscheidungskriterium für Beschlüsse im Unternehmen. Da die „Führungsetage“ der Unternehmen in den besetzten Betrieben nicht mehr existierte, sahen sich die verbliebenen ArbeiterInnen auch mit neuen Aufgaben, wie zum Beispiel der Buchhaltung, konfrontiert.
Diese Entwicklung wurde natürlich auch von der Regierung wahrgenommen, die jedoch aufgrund der großen Solidarisierung der Gesellschaft mit den Besetzern nicht mit Repression reagieren konnte. Die Regierung verabschiedete somit 2002 im Konkursgesetz, das besetzte Betriebe Kooperativen gründen können, die nach einer „Erprobungszeit“ von zwei Jahren dann zur kompletten Übernahme des Unternehmens führen können. Diese Abwicklungsform war jedoch mit hohen Risiken für die Besetzer verbunden, da sie in den zwei Jahren verschiedene Hürden überwinden mussten. Sie mussten die besetzte Fabrik zu einem rentablen Unternehmen machen, um es später kaufen zu dürfen. Jedoch sollten sie in den zwei Jahren nicht nur genügend Kapital erwirtschaften, um den Kauf des Unternehmens zu stemmen, sondern auch noch jegliche Schulden des vorherigen Eigentümers übernehmen, wobei sie aufgrund ausstehender Löhne selbst zu den Gläubigern gehörten (vgl. ebd.).
Dies sind die Rahmenbedingungen, unter denen ArbeiterInnen in Argentinien um ihre Arbeitsplätze gekämpft haben. Die Angaben für besetzte Betriebe in Argentinien schwanken zwischen 100 Betrieben mit 8000 Beschäftigten und 250 Betrieben mit 15.000 Beschäftigten, wobei bei den Unternehmen alle Branchen der Produktion vertreten sind. Auffällig ist, dass ein Großteil der Betriebe (¾ aller Betriebe) „nur“ 50 oder weniger Mitarbeiter haben und 60 Prozent der besetzten Betriebe in der Hauptstadt oder in deren Randbezirken zu finden sind.
Im Jahre 2001 gründete sich die MNER, die „Nationale Bewegung instandbesetzter Betriebe“, von der sich 2003 unter Leitung von Dr. Luis Caro die MNFRT abspaltete. Das Ziel dieser Bewegungen liegt in der Legalisierung von besetzten Betrieben als Kooperative. Ein Großteil der Betriebe hat sich der MNER beziehungsweise der MNFRT angeschlossen (vgl. http://www.wildcat-www.de/wildcat/70/w70argen.htm).

Wenn man nun auf die Entwicklung dieser Bewegung betrachtet, dann sind Erfolge schnell zu erkennen. Der größte und wahrscheinlich offensichtlichste Erfolg der Betriebsbesetzungen in Argentinien ist natürlich der Erhalt der Arbeitsplätze und der damit verbunden Erhalt der Produktion. Jedoch konnte die Personalstärke der Betriebe sogar erhöht und das Einkommen verbessert werden.
Die Stärken der besetzten Unternehmen liegen vor allem an einem scheinbar einfachen Unterschied: die Arbeiter arbeiten nun für sich und ihren Arbeitsplatz und nicht mehr, um irgendeine Arbeit abzuleisten. An dieser erhöhten Teilhabe am Unternehmen lässt sich auch die gesteigerte Motivation und Effizienz der Arbeiter festmachen. Des Weiteren ist die Unternehmensführung nun transparent und verständlich und weckt größeres Vertrauen bei den Arbeitern und Arbeiterinnen.
Die Probleme der Bewegung sind verschiedener Art. Einerseits ist es eine ganz neue und risikoreiche Aufgabe für die ArbeiterInnen, ein geschlossenes Unternehmen eigenverantwortlich zu führen. Andererseits ist die Eigentumsfrage eine großes Problem, da das Unternehmen sich in zwei Jahren beweisen muss, um eine Übernahme durch die ArbeiterInnen zu ermöglichen.

Abschließend betrachtet ist die positive Entwicklung der Bewegung hauptsächlich auf die enorme Solidarität in der Gesellschaft zurückzuführen, oder wie es in Argentinien heißt: companerismo.

Anmerkung zu den Quellen:
Diese Reflexion beruht zum größten Teil auf meinen Mitschriften der Seminarstunde und der dort gezeigten Power-Point-Präsentation. Textstellen, die nicht in diesem Zusammenhang stehen, habe ich den unten genannten Internetlinks entnommen, die jedoch auch schon Grundlage für die Power-Point-Präsentation waren.

http://www.wildcat-www.de/wildcat/70/w70argen.htm (19.06.2011)
http://www.labournet.de/internationales/ar/arnold.html (19.06.2011)

Film über Heidemarie Schwermer

Falls jemand von euch ORF 2 empfängt hier ein kurzer Programmhinweis: Heute (Dienstag, 7.6.) läuft dort um 22.30 Uhr ein Film über Heidemarie Schwermer, die ja unter anderem Gegenstand der letzten Sitzung war. Mehr Infos beim ORF.

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Ein kurzer Nachtrag zur vorletzten Sitzung: Es gibt tatsächlich, wie nachgefragt, eine Creativ Commons Zero-Lizenz, mit der die_der Urheber_in auf sämtliche Rechte an seinem_ihren Werk verzichtet. Mehr dazu auf der Seite von Creative Commons.

Versuch einer Kritik – inspiriert durch John Holloway

Warum brauchen wir eine Solidarische Ökonomie?
Ist das nicht ein utopisches Gedankenkonstrukt linker Träumer_innen und verkappter Schreibtischrevoluzzer_innen? Kann sie in real gedachter und praktizierter Wirtschaft bestehen?
Was macht den Begriff und die Praxis der Solidarität so faszinierend, vielleicht prekär? Und so notwendig?
Fragen über Fragen.

Unser momentanes kapitalistisches Wirtschaftssystem manifestiert sich in Konkurrenz- und somit Wachstumszwang auf einem expandierenden Weltmarkt UND in unseren kleinen individuellen Lebenswelten. Michel Foucault erklärt in Überwachen und Strafen, warum unser derzeitiges kapitalistisches Wirtschaftssystem so mächtig ist. Er nennt das „Systemdarwinismus“: Das erfolreichere, dem Charakter der Menschen passendere System, wird sich gegen andere Systeme durchsetzen. (Foucault 1976)
Das lesen wir, die wir noch hoffen, nicht gerne!

Solidarität und Kapitalismus stehen sich unvereinbar gegenüber, denn individuelles Wachstumsbestreben und somit das Konkurrieren mit und das Ausstechen von anderen kann niemals solidarisch sein.

Wenn wir also unser Zusammenleben solidarisch gestalten wollen bleibt in letzter Konsequenz nur ein Ausweg: Die Überwindung des so bequemen und doch mittlerweile strauchelnden Kapitalismus in der Welt, in uns, sowie die Überwindung aller ihn reproduzierenden Organe.

„Staaten sind nicht dafür zu gebrauchen, radikalen sozialen Wandel hervorzurufen, aus dem ganz einfachen Grund, dass die Kapitalflucht, die jeder dieser Versuche auslösen würde, die Existenz des Staates selbst bedrohen würde. […] Staaten funktionieren insofern, als sie den kapitalistischen Status Quo reproduzieren.“
(Holloway 2007, 43f)

Holloway spricht in diesem Kontext also von der Überwindung des Staates, bzw. von der Überwindung der Idee, über das Erlangen der Staatsmacht, sei dies in demokratischer oder revolutionärer Form, existenzielle Veränderungen hervorzubringen zu können.

Wenn wir also keine Partei gründen, oder die Welt durch andere Formen der Machtnutzung verändern können, was tun wir dann? Was tun wir wenn wir Nein, oder in den Worten der zapatistischen Bewegung ¡Ya basta! – Es reicht!, sagen wollen zu dieser Gesamtscheiße? Wenn wir das Gegenteil beweisen und praktizieren wollen?
Es scheint einfach: Nein sagen reicht nicht aus!

John Holloway benennt dieses Nein-Sagen mit „Schrei“, „Negativität“ (Holloway 2002, 10-20) Zentral ist bei diesen Begriffen ihre gedachte und praktizierte Zweidimensionalität, d.h. aus dem Nein muss ein Ja folgen, aus der Ablehnung der aktuellen Verhältnisse muss das Denken und die Umsetzung einer Vision folgen. Passiert dies nicht, ergeben wir uns bestenfalls, nach pubertärer Rebellion, resignierend und melancholisch-träumend in die aktuellen Unterdrückungs- und Machtmechanismen, werden und bleiben Teil von ihnen. Die Vision stigmatisieren wir in unseren Köpfen als Utopie. Widerstand bleibt kontrolliert oder schlimmer: rein destruktiv.

Offensichtlich gibt es also zwei Haltungs- (immer verbunden mit) Handlungsalternativen:

Reaktion:
Resignation und ein bequemes Leben wählen. Das Beste aus der Situation machen. „Aussteigen“, sich also in kleine bunt angemalte Schutzräume zurückziehen und dort die Utopie im Kleinen praktizieren. (Ja, auch das ist Ausdruck der Resignation, denn es schmeckt bitter nach Exklusivität, wenn „Aussteiger_innen“ ihren Raum nicht öffnen für emanzipatorische politische Arbeit und Inspiration und Vernetzung von und nach außen.)

Die Konformitätsgravitation unserer Gesellschaft auf der einen Seite, der Individualisierungszwang auf der anderen laden uns tagtäglich penetrant zu Resignation ein. Fühlen wir uns schlecht, wegen dem Kaffee, neulich bei Starbucks, kaufen wir eben die nächste Packung Kaffee mal Fair Trade. Gehen wir in die Politik helfen wir mit einschläfernde Kompromisse zu formulieren, die unser NEIN zum nein formatieren…

Wollen wir das alles nicht --- bleibt nur die Aktion:
Strukturen schaffen, die dem Kapitalismus schrittweise die Substanz entziehen. Das können wir, weil wir ihn machen!

„Das Kapital ist von jedem Moment auf den nächsten auf uns angewiesen. Das Kapital ist darauf angewiesen, unser Tun in entfremdete Arbeit und unser Leben in Überleben zu verwandeln. Der Kapitalismus wird von uns gemacht. Das Problem der Revolution ist nicht die Abschaffung des Kapitalismus, sondern aufzuhören ihn zu machen.“
(Holloway 2007, 70)

Strukturen solidarischer Ökonomie bilden in einer anderen Vorstellung von Zusammenleben einen zentralen Punkt, denn wenn wir nicht nomadische Lebensformen wählen, muss es Wege geben rückentfremdete Arbeit und ihre Produkte in der Gemeinschaft zu organisieren.

Doch was ist mit den Umständen, an die wir uns so gewöhnt haben, unserem sogenannten Lebensstandard? Müssen wir, wollen wir, können wir den auch überwinden? Müssen, wollen, können wir verzichten? (Auf eine riesige Auswahl an Konsumgütern beispielsweise, wenn Überproduktion vermieden werden soll.)
Vor diesen Fragen Angst zu haben ist erlaubt und berechtigt! Einschlagende Veränderungen sind oft beängstigend. Alles, was wir kennen, wie wir aufgewachsen und sozialisiert sind wird hier in Frage gestellt. Wir dürfen Angst haben!

Gehen wir aber im Gegenzug davon aus, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir uns immer weiter entfremden, von unserer Arbeit, von unserem Selbst, ständig dabei unser persönliches Humankapital zu vermehren in Konkurrenz mit unseren Mitmenschen, so sollten wir ebenfalls zittern, uns ekeln.

„Der Staat trennt das Öffentliche von Privaten, indem er das tut spaltet er unsere öffentliche, ernsthafte Seite von unserer privaten, leichtsinnigen, irrelevanten ab. Der Staat fragmentiert uns, er entfremdet uns von uns selbst.“
(Holloway 2007, 44)

Wäre es nicht so gesehen eine „Aufwertung“ unseres Lebensstandards, wenn wir nicht mehr in diesem Rennen um Karriere, Arbeit, Geld, Konsum und Anerkennung mit anderen darum kämpfen müssten?
Ist die Vorstellung, dass es uns glücklich macht, selbst zu sähen, was wir ernten, zu netzwerken statt zu zerstreuen, zu teilen, was wir haben, zu arbeiten, und wissen wofür… nicht ermutigend?
Unser Verzicht wäre einer auf Scheinbedürfnisse. (Über deren Befriedigung basteln wir uns momentan in diesem Wettlauf eine Identität zusammen.)
Doch der Kleber unserer Scheinidentität bröckelt! Und das ist gut so!

Um dann aber nicht in Zukunft möglicherweise unvorbereitet mit unserer Selbst-Fragmentierung (Ein Zusammenbruch der Weltwirtschaft, also ein kollabierender Kapitalismus, wäre da noch die eher harmlose Variante…) konfrontiert zu werden, müssen wir jetzt anfangen unsere Scheinidentität zu entlarven. Wir brauchen jetzt (!) soziale, ökonomische, ökologische, politische Experimentierfelder, in denen wir Fähigkeiten und Gedanken teilen können, in denen wir neue Formen des Zusammenlebens praktizieren und kritisieren können, in denen wir unsere Angst in Zuversicht verwandeln können, in denen wir kollektiv wirtschaften können, uns vom Konstrukt des Eigentums und dem Wahn, es „verteidigen“ zu müssen langsam lösen können…!

Wir müssen nicht versuchen Konzepte und schon existierende Strukturen zu kopieren. Wir können uns befähigen eigene zu entwerfen. Wir können unsere Querköpfe öffnen für Inspiration. Wir können unsere Angst ablegen, wenn „wir“ nicht „jeder für sich“ heißt. Wir können inspirieren statt belehren. Praktizieren statt studieren!

Bemerkung: Die Verwendung der ersten Person Plural statt des „ich“ ist ein sprachliches Werkzeug der politischen Agitation. Die Texte Holloways haben mich zur Verwendung des „wir“ bewegt.


Lesestoff:

FOUCAULT, Michel (1976). Überwachen und Strafen. Die Geburt der Gefängnisse. Suhrkamp: Frankfurt a.M.
HOLLOWAY, John. (2002). Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen. Westfälisches Dampfboot: Münster.
HOLLOWAY, John. (2007). Die zwei Zeiten der Revolution. Würde; Macht und Politik der Zapatistas. Turia+Kant:Wien.